Benchmarking: warum Ihr Kennzahlenvergleich meistens in die Irre führt
Ein Vergleich mit der Branche ist die naheliegendste Art, die eigenen Zahlen einzuordnen. Er ist auch die fehleranfälligste. Wer zwei Prozentwerte nebeneinanderlegt und daraus eine Entscheidung ableitet, liegt in den meisten Fällen daneben, und zwar nicht knapp. Dieser Beitrag zeigt, wie ein belastbarer Vergleich aufgebaut wird. Er ist bewusst ausführlich, weil genau die Zwischenschritte weggelassen werden, auf die es ankommt.
Das Grundproblem
Eine Kennzahl für sich sagt nichts. Ein Wareneinsatz von 33 Prozent ist weder gut noch schlecht. Er wird erst zur Information, wenn klar ist, womit man ihn vergleicht. Genau dort passieren die Fehler, und zwar auf fünf Ebenen: bei der Auswahl der Vergleichsgruppe, bei der Vergleichbarkeit der Zahlen selbst, bei der Wahl der Kennzahl, beim statistischen Maß und beim Zeitraum.
Jeder dieser fünf Punkte kann das Ergebnis umkehren. Zusammen erklären sie, warum Betriebe regelmäßig auf Basis eines Vergleichs an der falschen Stelle sparen.
Schritt 1: Die Vergleichsgruppe
„Die Branche" ist keine Gruppe. Ein Restaurant mit 80 Prozent Speisenanteil und eine Bar mit 80 Prozent Getränkeumsatz stehen in derselben Klassifikation und haben völlig verschiedene Kostenstrukturen. Der Wareneinsatz unterscheidet sich zwischen beiden um 15 Prozentpunkte und mehr, ohne dass einer davon schlechter wirtschaftet.
Eine brauchbare Vergleichsgruppe wird über vier Merkmale eingegrenzt:
- Tätigkeit, nicht nur die Branchenkennziffer. Innerhalb desselben Wirtschaftszweigs liegen Geschäftsmodelle, die nichts gemein haben.
- Umsatzgröße, weil Fixkostenanteile mit der Betriebsgröße stark schwanken. Ein Betrieb mit 300.000 Euro Umsatz ist nicht mit einem mit drei Millionen vergleichbar.
- Region, wegen Lohnniveau und Miete. Zwischen Leipzig und München liegen bei der Raumkostenquote mehrere Prozentpunkte.
- Leistungstiefe, also wie viel selbst gemacht und wie viel zugekauft wird. Wer Fremdleistungen einsetzt, verschiebt Kosten vom Personal in den Materialaufwand.
Wird nur nach Branchenkennziffer verglichen, ist der Rest der Rechnung wertlos, egal wie sorgfältig er ausgeführt wird.
Schritt 2: Die Zahlen vergleichbar machen
Das ist der aufwendigste Teil und der, den fast alle überspringen. Zwei Gewinn- und Verlustrechnungen sind selten direkt vergleichbar, auch wenn beide korrekt gebucht sind.
Der Unternehmerlohn. Der größte einzelne Verzerrer. In einer GmbH ist das Geschäftsführergehalt Aufwand und drückt den Gewinn. In einem Einzelunternehmen oder einer GbR taucht die Arbeit des Inhabers in der Gewinn- und Verlustrechnung überhaupt nicht auf, die Entnahmen laufen daran vorbei. Vergleicht man beide, sieht die Personengesellschaft immer profitabler aus.
Ein Beispiel: Bei 850.000 Euro Umsatz und einem kalkulatorischen Unternehmerlohn von 68.000 Euro sind das 8,0 Prozentpunkte Unterschied in der Personalkostenquote. Diese acht Punkte entscheiden darüber, ob ein Betrieb im Vergleich oben oder unten steht. Vor jedem Vergleich muss der Unternehmerlohn also kalkulatorisch angesetzt werden, und zwar in Höhe dessen, was eine angestellte Person für dieselbe Arbeit kosten würde.
Die Kontenzuordnung. Fremdleistungen landen bei dem einen im Materialaufwand, bei dem anderen unter sonstigen betrieblichen Aufwendungen. Personalleasing steht mal im Personalaufwand, mal nicht. Ohne einen Blick in die Kontennachweise ist unklar, was in einer Quote überhaupt steckt.
Leasing gegen Kauf. Wer Fahrzeuge least, hat höhere sonstige Aufwendungen und keine Abschreibung. Wer kauft und finanziert, hat Abschreibung und Zinsen. Das operative Ergebnis unterscheidet sich, die wirtschaftliche Lage nicht. Für den Vergleich müssen Leasingraten aufgeteilt oder beide Seiten auf dieselbe Betrachtung gebracht werden.
Einmaleffekte. Eine Versicherungsentschädigung, ein Anlagenverkauf, eine Steuernachzahlung für Vorjahre. Solche Posten gehören vor dem Vergleich heraus, sonst vergleicht man Zufall mit Struktur.
Schritt 3: Die richtige Kennzahl
Absolutwerte taugen nicht zum Vergleich, Strukturzahlen schon. Statt „Personalaufwand 260.000 Euro" also „Personalkostenquote 30,6 Prozent". Wichtig ist dabei die Bezugsgröße: Personalkosten werden je nach Branche auf den Umsatz oder auf die Gesamtleistung bezogen, und im Handel ist der Rohertrag die sinnvollere Basis als der Umsatz.
Wer Quoten mit unterschiedlichen Bezugsgrößen nebeneinanderlegt, produziert Unsinn, der sich nicht als solcher zu erkennen gibt. Das ist der heimtückischste Fehler in dieser Liste, weil das Ergebnis plausibel aussieht.
Schritt 4: Quartile statt Durchschnitt
Hier wird es konkret. Nehmen wir neun vergleichbare Betriebe und ihre Wareneinsatzquote in Prozent:
| Betrieb | 1 | 2 | 3 | 4 | 5 | 6 | 7 | 8 | 9 |
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Quote | 26 | 28 | 29 | 30 | 31 | 33 | 34 | 38 | 52 |
Die Tabelle lässt sich seitlich scrollen.
Der Durchschnitt liegt bei 33,4 Prozent. Der Median, also der mittlere Wert, bei 31,0. Zwischen beiden liegen 2,4 Prozentpunkte, und der Unterschied entsteht allein durch den einen Betrieb mit 52 Prozent. Ein einziger Ausreißer nach oben zieht den Durchschnitt mit, der Median bleibt unbeeindruckt.
Für einen Betrieb mit 33 Prozent bedeutet das: Gegen den Durchschnitt gemessen steht er gut da, er liegt darunter. Gegen den Median gemessen liegt er darüber, also schlechter als die Hälfte seiner Vergleichsgruppe. Dieselbe Zahl, zwei entgegengesetzte Aussagen.
Deshalb wird mit Quartilen gearbeitet. In diesem Beispiel liegt das untere Quartil bei 29,0 Prozent, das obere bei 34,0. Die mittlere Hälfte der Betriebe bewegt sich also zwischen 29 und 34 Prozent. Wer bei 33 liegt, ist im oberen Bereich dieser Spanne, aber noch innerhalb. Das ist eine brauchbare Aussage, aus der sich eine Priorität ableiten lässt.
Übersetzt in Geld: Die zwei Prozentpunkte Abstand zum Median entsprechen bei 850.000 Euro Umsatz 17.000 Euro im Jahr. Erst diese Zahl macht aus einer Beobachtung eine Entscheidungsgrundlage.
Schritt 5: Zeitreihe statt Momentaufnahme
Ein einzelner Monat sagt in fast jeder Branche wenig. Saison, Urlaubszeiten, Abgrenzungen und der Zeitpunkt größerer Einkäufe verschieben Quoten erheblich. Sinnvoll sind rollierende Zwölfmonatswerte, bei denen jeder neue Monat den ältesten ersetzt. Damit fällt die Saison heraus und die Entwicklung wird sichtbar.
Und ein Punkt, der in Beratungsgesprächen oft überrascht: Der Vergleich mit sich selbst ist meist aussagekräftiger als der mit der Branche. Die eigene Quote gegen die des Vorjahres ist frei von allen Vergleichbarkeitsproblemen, weil Kontenzuordnung, Rechtsform und Geschäftsmodell identisch sind. Wenn der Wareneinsatz von 30 auf 33 Prozent gestiegen ist, ist das eine harte Information, ganz gleich, was die Branche macht.
Der Branchenvergleich beantwortet die Frage, wo Potenzial liegt. Der Eigenvergleich beantwortet die Frage, was sich verändert hat. Beide zusammen ergeben ein Bild, einzeln keines.
Woher die Vergleichszahlen kommen
Das ist die praktische Hürde. Belastbare Werte stehen nicht frei im Netz.
Die üblichen Quellen sind Branchenauswertungen, wie sie Steuerberatungen über ihre Rechenzentren beziehen, dazu Auswertungen der Deutschen Bundesbank zu Jahresabschlüssen, Zahlen des Statistischen Bundesamtes und Erhebungen der Branchenverbände. Handwerkskammern und Innungen veröffentlichen teils eigene Betriebsvergleiche.
Alle haben Einschränkungen. Verbandszahlen beruhen auf Meldungen der Mitglieder und sind selten repräsentativ. Amtliche Statistiken sind repräsentativ, aber zwei bis drei Jahre alt. Auswertungen aus der Steuerberatung sind aktuell und gut gegliedert, aber nicht frei zugänglich.
Was Sie im Netz an kostenlosen Prozentangaben finden, ist überwiegend abgeschrieben, ohne Quelle und ohne Angabe des Erhebungsjahres. Solche Werte taugen als grobe Orientierung, nicht als Grundlage für eine Entscheidung.
Die fünf häufigsten Fehler
- Durchschnitt statt Median. Ein Ausreißer verschiebt das Ergebnis und die Schlussfolgerung kippt.
- Unternehmerlohn nicht angesetzt. Personengesellschaften erscheinen systematisch profitabler, als sie sind.
- Zu weite Vergleichsgruppe. Gleiche Branchenkennziffer bedeutet nicht gleiches Geschäftsmodell.
- Einzelmonat statt Zeitreihe. Saisonale Schwankungen werden als Trend gedeutet.
- Abweichung nicht in Euro übersetzt. Prozentpunkte führen zu keiner Handlung, Beträge schon.
Was das an Aufwand bedeutet
Ein sauberer Vergleich ist keine halbe Stunde Arbeit. Die Vergleichsgruppe muss einmal festgelegt und begründet werden. Die eigenen Zahlen müssen jeden Monat aus der Buchhaltung geholt, um Unternehmerlohn und Einmaleffekte bereinigt und auf konsistente Bezugsgrößen gebracht werden. Die Quellen müssen beschafft und auf ihr Erhebungsjahr geprüft werden. Und die Ergebnisse müssen in eine Form, die man in zehn Minuten liest, statt in eine Tabelle mit vierzig Zeilen.
Realistisch sind beim ersten Aufbau ein bis zwei Tage und danach mehrere Stunden im Monat. Das ist der Grund, warum die meisten Betriebe es nicht tun, obwohl alle wissen, dass es sinnvoll wäre.
Genau diese Arbeit übernehmen wir in der monatlichen Betreuung. Sie bekommen den fertigen Bericht mit Ihren bereinigten Kennzahlen, der Einordnung in die Vergleichsgruppe, der Entwicklung über zwölf Monate und der Abweichung in Euro. Was Sie beisteuern, ist die BWA. Was Sie zurückbekommen, ist eine Seite, aus der hervorgeht, woran als Nächstes gearbeitet wird.
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